Beschwerden über Arbeitsbedingungen im Handel

Erschreckende Ergebnisse einer aktuellen Umfrage der steirischen AK unter Handelsangestellten: Klagen über kurzfristige Änderungen von Dienstplänen, unbezahlte Vor- und Abschlussarbeit sowie vorenthaltener Mehrarbeitszuschlag zeigen den enormen Handlungsbedarf in den frauendominierten Branchen auf. Wegen schlechter Vereinbarkeit sagen die Beschäftigten Nein zu längeren Öffnungszeiten oder Sonntagsöffnung.

In einer groß angelegten Fragebogenaktion hat die steirische Arbeiterkammer die Arbeitsbedingungen im Handel hinterfragt. Von den rund 60.000 Handelsangestellten in der Steiermark wurden 14.500 mit dem Schwerpunkt Lebensmittel-, Textil- und Elektrohandel angeschrieben. Rund 2.000 Handelsangestellte haben den Fragebogen ausgefüllt retourniert, das entspricht einer außerordentlich hohen Rücklaufquote von 15%. Die Fragebogenaktion bestätigt auch, dass der Handel weiblich ist:

Zu 95% kamen die Antworten von Frauen, zwei Drittel sind teilzeitbeschäftigt. Die Ergebnisse bestätigen im Großen und Ganzen die Beschwerden, mit denen die Arbeiterkammer immer wieder konfrontiert wird:
Jede/r Fünfte hat angegeben, dass es im Betrieb überhaupt keinen Dienstplan gibt.
Dort, wo ein Dienstplan vorhanden ist, wird er bei mehr als 40% der Befragten „von einem Tag auf den anderen“ geändert. Nur 7% geben an, dass sich der Dienstgeber an die gesetzlich vorgesehene Mindestfrist von zwei Wochen hält.
Vor- und Abschlussarbeiten werden nur in etwas mehr als der Hälfte der Fälle korrekt dokumentiert und vollständig bezahlt.

Mehrarbeitszuschlag nur für jeden Zweiten

Ein eigenes Kapitel ist der mit 1. Jänner 2008 eingeführte „Mehrarbeitszuschlag“ von 25% für Teilzeitbeschäftigte, die über das vereinbarte Arbeitszeitausmaß hinaus arbeiten müssen. Diesen Mehrarbeitszuschlag hat nicht einmal die Hälfte der Betroffenen bekommen. Das eigentliche Ziel, den Arbeitsvertrag von vornherein mit einer realistischeren Arbeitszeit abzuschließen, wurde nur in 12 % der Fälle erreicht. Auffallend ist, dass jede/r dritte Befragte angegeben hat, diese Neuregelung nicht zu kennen.

„Bessere Bezahlung“ und „Arbeitszeitgestaltung soll die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie zulassen“ bzw. „fixe Arbeitszeiteinteilung“ waren daher auch die am häufigsten genannten Punkte, wenn um eine Verbesserung der Arbeitssituation geht.

Rechte „mit Füßen getreten“

AK-Präsident Walter Rotschädl sieht anhand der Ergebnisse der Fragebogenaktion den Verdacht bestätigt, dass „die Rechte vieler Handelsangestellter mit Füßen getreten werden. Es ist unzumutbar, dass allzu oft die elementarsten Regeln einer fairen Behandlung von ArbeitnehmerInnen nicht eingehalten werden“. Das gelte insbesondere für die Nichtbezahlung von Arbeitsstunden, die über die vereinbarte Arbeitszeit hinausgehen, sowie von Vor- und Nachbereitungsarbeiten: „Dass so viele ArbeitnehmerInnen angeben, Arbeiten de facto unbezahlt durchführen zu müssen, stellt der ganzen Branche kein gutes Zeugnis aus und verzerrt obendrein den Wettbewerb zugunsten der schwarzen Schafe“.

Infokampagne und Hotline angekündigt

Die Umfrage bringe auch an den Tag, dass sich viele Handelsunternehmen am Mehrarbeitszuschlag für Teilzeitbeschäftigte „herumschummeln“ und damit die Sozialpartnereinigung unterlaufen. Rotschädl kündigte eine Informationskampagne an, bei der die Beschäftigten über die Möglichkeit des Mehrarbeitszuschlags aufgeklärt werden sollen. Weiters soll eine Hotline im AK-Arbeitnehmerschutz für diese Probleme eingerichtet werden.

Mit Familie schlecht vereinbar

Das Einschreiten des Arbeitsinspektorats zur Überprüfung, ob Dienstpläne rechtzeitig erstellt und eingehalten werden, fordert die Landesvorsitzende der Handelsgewerkschaft in der GPA, AK-Vizepräsidentin Gerda Bacher: „Gerade im Handel arbeiten sehr viele Frauen mit Betreuungspflichten, nicht wenige davon alleinerziehend. Durch kurzfristige Dienstzeitänderungen müssen die Betroffenen oft zaubern, um Job und Familie unter einen Hut zu bringen“. „Welche Schule hat bis 18.30 Uhr offen?“ klagte eine Betroffene darüber, dass sich wenige Arbeitsplätze mit Schulkindern vereinbaren lassen.

Angst vor der Sonntagsöffnung

Bestätigt sieht sich Bacher auch hinsichtlich ihrer ablehnenden Haltung gegenüber einer weiteren Verlängerung der Öffnungszeiten: „Längere Öffnungszeiten bedeuten für viele eine weitere Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen“. Konkret hat sich die Arbeitssituation für ein Drittel jener ArbeitnehmerInnen, deren Betrieb die längeren Öffnungszeiten ausnützt, verschlechtert.

Die Ergebnisse der Fragebogenaktion zeigen auch, dass die längeren Öffnungszeiten nicht von allen Handelsunternehmen überhaupt genützt werden und nach Auffassung der Beschäftigten kaum positive wirtschaftliche Effekte gebracht haben, so Bacher: „Zwei Drittel haben diese Frage ausdrücklich mit Nein beantwortet, nur rund 10% waren der Meinung, dass sich dadurch der Umsatz erhöht hat“.

Auch einer Sonntagsöffnung erteilt Bacher eine klare Absage: „Immerhin nennt ein Drittel der Befragten die Verringerung der Wochenend- und Feiertagsarbeit als eine Möglichkeit, die Arbeitssituation zu verbessern.“

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